Plötzlich Bachelor oder Master? Es herrscht viel Euphorie – also Zeit für eine Einordnung.

Potenzial-e • 5. Oktober 2026

Seit dem 1. Oktober 2026 können Absolventinnen und Absolventen der höheren Berufsbildung in der Schweiz die neuen Titelzusätze «Professional Bachelor» beziehungsweise «Professional Master» verwenden. Wir begrüssen diesen Schritt. Dennoch möchten wir die aktuelle Euphorie darüber etwas einordnen.


Die höhere Berufsbildung ist eine grosse Stärke des Schweizer Bildungssystems. Berufsprüfungen (BP), höhere Fachprüfungen (HFP) und höhere Fachschulen (HF) ermöglichen mit ihren berufsbegleitenden Bildungsgängen praxisnahe Bildungswege auf Tertiärstufe und qualifizieren Menschen für anspruchsvolle Fach- und Führungsaufgaben.


Gerade im internationalen Umfeld waren die bisherigen Bezeichnungen jedoch nicht immer einfach einzuordnen. Hier können «Professional Bachelor» und «Professional Master» einen echten Mehrwert schaffen. Sie erhöhen die internationale Verständlichkeit und können insbesondere bei international tätigen Unternehmen oder bei einer Tätigkeit im Ausland helfen, eine Qualifikation besser einzuordnen.


Das ist sinnvoll und stärkt die Sichtbarkeit der höheren Berufsbildung und damit auch die des Schweizer Bildungssystems.



Bei aller Euphorie: Es sind Titelzusätze

Die grosse Aufmerksamkeit rund um die neuen Bezeichnungen betrachten wir etwas differenzierter. Denn am 1. Oktober haben sich weder die Berufsabschlüsse noch deren bestehende Titel verändert. Hinzugekommen sind die Titelzusätze «Professional Bachelor» und «Professional Master».


Wer am 30. September einen eidgenössischen Fachausweis oder ein eidgenössisches Diplom besass, war am 1. Oktober nicht plötzlich eine bessere Fach- oder Führungskraft. Die Qualität und das Anforderungsniveau für die Abschlüsse sind mit den Titelzusätzen dieselben geblieben. Neu ist die Möglichkeit, die bestehende Qualifikation international verständlicher zu bezeichnen.


Diese Einordnung ist uns wichtig. Der eidgenössische Fachausweis, das eidgenössische Diplom und das Diplom einer höheren Fachschule bleiben die massgebenden Abschlüsse und Titel. Sie werden durch die neuen Zusätze ergänzt, nicht ersetzt. Eine alleinige Bezeichnung nur mit den Titelzusätzen und ohne massgebenden Abschlussbezeichnung ist in der Amtssprache nicht erlaubt.


Und das ist gut so. Die höhere Berufsbildung muss sich nicht verstecken und nicht akademischer erscheinen, um wertvoll zu sein. Sie besitzt eine starke, in der Schweizer Arbeitswelt etablierte Identität und verbindet Bildung, Berufserfahrung und berufliche Praxis. Darauf dürfen wir weiterhin selbstbewusst und stolz sein.


Wo «Professional Bachelor» und «Professional Master» die internationale Verständlichkeit oder Einordnung einer Qualifikation erleichtern, schaffen sie einen echten Mehrwert.


Ein Titel bestätigt einen Abschluss – Kompetenz entsteht auf dem Weg

Bei Potenzial-e beschäftigen wir uns intensiv mit Bildung, Entwicklung und Potenzialentfaltung. Deshalb ist für uns bei der aktuellen Diskussion noch etwas anderes entscheidend. Was macht eine gute Fach- oder Führungskraft tatsächlich aus?

Ein Titel? Ein Diplom? Eine bestandene Prüfung? Ein anerkannter Abschluss ist wichtig. Er bestätigt, dass definierte Anforderungen erfüllt wurden. Standardisierte Prüfungen schaffen Verbindlichkeit, Vergleichbarkeit und Qualitätssicherung. Darin liegt ein wesentlicher Wert anerkannter Abschlüsse.


Aber ein Titel alleine erzeugt keine Kompetenz.

Berufliche Kompetenz entwickelt sich auf dem Weg zum Abschluss und darüber hinaus. Durch die Auseinandersetzung mit neuem Wissen, durch Erfahrungen, Anwendung und Übung, durch Erfolge und Misserfolge, durch Feedback und Reflexion und durch die Übernahme von Verantwortung.


Entscheidend wird schliesslich der Transfer in die Praxis. Kann jemand Situationen differenzierter beurteilen? Werden Entscheidungen fundierter getroffen? Wird Verantwortung bewusster wahrgenommen? Wird das eigene Verhalten reflektiert und weiterentwickelt? Können erworbene Kompetenzen in anspruchsvollen beruflichen Situationen tatsächlich angewendet werden?


Dort zeigt sich für uns Kompetenzzuwachs. Und dort zeigt sich letztlich auch die Qualität einer Fach- oder Führungskraft.


Ein «Professional Bachelor» macht deshalb aus niemandem automatisch eine bessere Fachkraft. Ein «Professional Master» macht aus niemandem automatisch eine bessere Führungskraft. Genauso wenig wie dies bisher allein ein eidgenössischer Fachausweis oder ein eidgenössisches Diplom getan hat. Titel bestätigen einen standardisierten Abschluss und dessen Qualität. Berufliche Kompetenz zeigt sich jedoch im Handeln.


Unser Fazit: Mehr Sichtbarkeit, ohne unsere Identität zu verlieren

Die neuen Titelzusätze dürfen mit Freude und Stolz getragen werden. Die derzeitige Euphorie betrachten wir dennoch mit etwas Distanz. Denn die höhere Berufsbildung braucht keine neuen Bezeichnungen, um ihren Wert zu beweisen. Was sie auszeichnet, war bereits vor dem 1. Oktober vorhanden, und wird es auch danach sein.


Freuen wir uns also über die neuen Möglichkeiten. Machen wir den Titelzusatz aber nicht grösser als das, was dahintersteht. Entscheidend bleiben der Bildungsweg, die erworbenen Kompetenzen und das professionelle Handeln in der Praxis.


Oder kurz gesagt: Mehr internationale Verständlichkeit? Ja. Mehr Anerkennung? Gerne. Aber vergessen wir dabei nicht, welchen Wert unsere etablierten Abschlüsse bereits heute haben.


Quellen:

Offizielle SBFI-FAQ zu Professional Bachelor und Professional Master

SBFI: Massnahmenpaket zur Stärkung der höheren Berufsbildung

von Potenzial-e • 8. Juni 2026
Seit einigen Jahren sind wir Mitglied der Supportervereinigung des SC Kreuzlingen und unterstützen damit die wertvolle Vereinsarbeit ideell und finanziell. In diesem Jahr haben wir uns entschieden, unser Engagement auszubauen und zusätzlich ein Spielerpatronat für den Wasserballspieler Zvonimir Zlomislic zu übernehmen.
von Potenzial-e • 20. April 2026
von Potenzial-e • 22. September 2025
Ende August fand in St. Gallen die OBA – Ostschweizer Bildungs-Ausstellung statt, letzte Woche die Thurgauer Berufsmesse in Weinfelden. Zudem kamen an den SwissSkills in Bern die besten jungen Berufsleute aus der ganzen Schweiz zusammen. Diese Anlässe machen deutlich: Die berufliche Grundbildung hat eine enorme Strahlkraft. Sie zeigen, wie vielfältig und wertvoll unsere Berufe sind – und wie sehr junge Menschen auf ihre Arbeit stolz sein können.
von Potenzial-e • 8. August 2025
Onboarding: Die Basis für eine erfolgreiche Ausbildung Der August ist für viele junge Menschen in der Schweiz ein besonderer Meilenstein: der Beginn ihrer beruflichen Grundbildung. Neue Aufgaben, unbekannte Strukturen und viele frische Eindrücke prägen diese erste Phase. Damit dieser Einstieg gelingt, ist ein sorgfältig gestaltetes Onboarding entscheidend. Onboarding ist dabei weit mehr als eine kurze Einführung – es ist ein strukturierter Prozess, der Orientierung gibt und Sicherheit schafft. Es legt den Grundstein für eine erfolgreiche Ausbildung, fördert Sicherheit und Orientierung und hilft, Motivation und Vertrauen von Beginn an aufzubauen. 
von Potenzial-e GmbH • 7. Juli 2025
Organisationen und deren Mitarbeitenden stehen heute mehr denn je unter Druck, mit Komplexität, Dynamik und Unsicherheit umzugehen. Gleichzeitig begegnen sie dabei einem Phänomen, das oft als störend empfunden wird – Widersprüche. Doch was, wenn gerade diese Spannungsfelder keine Hindernisse, sondern Ressourcen sind? Was, wenn der produktive Umgang mit Paradoxien der Schlüssel zu nachhaltiger Entwicklung ist?
von Potenzial-e • 15. April 2025
Wenn Jugendliche gefährliche Arbeiten lernen und ausführen müssen (Anhang 2 zum Bildungsplan) In der Schweiz verunfallen jedes Jahr rund 25'000 Lernende – das entspricht etwa jeder achten lernenden Person (Quelle: SUVA). Diese Zahl verdeutlicht: Die Sicherheit und der Gesundheitsschutz in der beruflichen Grundbildung sind keine Nebenschauplätze, sondern zentrale Voraussetzungen für eine erfolgreiche Ausbildung. Körperlich und psychisch befinden sich Jugendliche in einer sensiblen Entwicklungsphase. Das Arbeitsgesetz (ArG) sowie die Jugendarbeitsschutzverordnung (ArGV 5) stellen deshalb klar: Gefährliche Arbeiten sind für Minderjährige grundsätzlich verboten . Doch wie lässt sich dieser Schutz mit einer praxisnahen Berufsbildung vereinbaren, in der Jugendliche notwendigerweise lernen müssen, mit Maschinen, Chemikalien oder risikobehafteten Situationen umzugehen?
von Potenzial-e • 13. Februar 2025
Das Konzept der psychologischen Sicherheit, entwickelt von Harvard-Professorin Amy Edmondson, gewinnt in der modernen Arbeitswelt zunehmend an Bedeutung. Es beschreibt die gemeinsame Überzeugung eines Teams, dass es sicher ist, zwischenmenschliche Risiken einzugehen, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen. Doch warum ist das so wichtig – und wie kann sie gezielt gefördert werden? 
von Potenzal-e GmbH • 11. Dezember 2024
Mit Freude teilen wir mit, dass die Potenzial-e GmbH ab sofort Teil des Netzwerks Psychische Gesundheit Schweiz (NPG) ist. Diese Aufnahme bestätigt unser Engagement für die psychische Gesundheit und unterstreicht die Bedeutung unserer Arbeit in den Bereichen Prävention und Förderung mentaler Stärke.
von Potenzial-e GmbH • 17. Oktober 2024
Die AXA Mind Health Studie 2024 beleuchtet die komplexe Beziehung zwischen mentaler Gesundheit, Arbeitswelt und deren wirtschaftlichen Konsequenzen. Die Ergebnisse der Schweizer Umfrageteilnehmenden zeigen deutlich, dass mentale Gesundheit nicht nur ein individuelles, sondern auch ein gesellschaftliches und wirtschaftliches Thema ist. Die Studie unterstreicht die Notwendigkeit, in präventive Massnahmen und betriebliches Gesundheitsmanagement zu investieren.
von Potenzial-e GmbH • 7. Oktober 2024
Fühlen Sie sich manchmal überfordert von der Geschwindigkeit, mit der sich die Welt verändert? Pläne, die gestern noch sicher erschienen, scheinen heute brüchig zu sein. Willkommen in der BANI-Welt – einer Realität, die uns mit ihrer Fragilität und Unvorhersehbarkeit herausfordert. Während das Akronym VUCA uns schon länger begleitet hat, zeichnet sich seit einigen Jahren eine neue Art von Unsicherheit ab: BANI. Dieses Akronym beschreibt eine Welt, die noch zerbrechlicher und emotional fordernder geworden ist.